Interview mit Orlando Ramirez (Fünf Fragen/fünf Antworten)

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Orlando aus der Popstar-Reihe
Bildquelle: Depositphotos

(Popstar-Reihe)

Nach der wunderbaren Hauptspeise möchte Orlando eine kurze Runde im Garten drehen und fragt mich, ob ich ihn begleite. Mit anderen Worten: Er will nicht, dass wir sein Interview in Gegenwart der anderen führen. Luis springt von dem Hundekissen auf, das er sich mit Whity teilt, und folgt uns.

Der Sicherheitschef Joel verdreht die Augen, als er uns über den Weg spazieren sieht. Orlando und er zünden sich Zigaretten an und reden über irgendwelche Sicherheitsbelange, während ich dem Chihuahua einen kleinen Ball werfe, den er immer wieder zu mir zurückbringt. Endlich spazieren Orlando und ich weiter. Der Weg ist schön beleuchtet. Abrupt beginnt Orlando zu sprechen:

„Der Katholizismus ist eine gnadenlose Religion, oder? Er verbietet es vergewaltigten Frauen, die ihnen aufgezwungenen Kinder abzutreiben. Meine Erzeugerin ist nicht besonders gläubig. Weshalb sie ausgerechnet dieses Gebot befolgt hat, nachdem mein Erzeuger sie brutal überfallen hat, ist mir ein Rätsel. Er wurde übrigens wegen dieser Tat verurteilt und starb im Gefängnis.

Meinen Namen gab mir eine Krankenschwester, die Mitleid mit mir hatte, als die Frau, die mich geboren hat, mich in der Geburtsklinik ignorierte. Ich denke, meine Erzeugerin nahm mich nur mit nach Hause, weil ihre Familie ihr eine monatliche Rente versprach, wenn sie sich um mich kümmert. Die Ramirez sind sehr wohlhabend. Irgendwie habe ich die ersten Jahre meines Lebens überlebt, was nicht an meiner Erzeugerin lag. Soweit ich weiß, kümmerten sich eine Nachbarin und eine meiner Tanten um mich, bis ich alt genug war, selbst an den Kühlschrank zu gehen, um mir dort mein Essen zu holen. Ich will deine Leserinnen und Leser nicht mit den traurigen Einzelheiten meiner Kindheit nerven. Jedenfalls hatte ich meistens genug zu essen, weil meine Erzeugerin einen Lieferdienst beauftragte. Solange ich ihr aus dem Weg ging, ließ sie mich zufrieden …“

Orlandos Gesicht bleibt die ganze Zeit unbewegt. Er macht nur eine kleine Pause, weil er mit der Taschenlampe in einen Busch leuchtet, dann redet er weiter:

„Ich bin ein Mutable, jemand, der praktisch in jede Rolle schlüpfen kann, die er will. Außerdem lerne ich Sprachen rasend schnell. Ich war Soldat bei der Navy und habe nach meinem Abschied Literatur studiert …“

Orlando öffnet die Gartentür zur Eventvilla und ich schlüpfe hindurch. Zum Besitz gehören drei Villen. Die Gablestone-Villa liegt in der Mitte. Die Gärten sind in einem einheitlichen Konzept angelegt, allerdings werden die Grundstücke durch Sicherheitszäune voneinander getrennt. Man kann sie durch Gartentüren passieren, die mit Handscan geöffnet werden.

„Bei der Navy lernte ich Mike kennen. Wir verliebten uns auf den ersten Blick ineinander. Er war mein Spotter.“

Ich: „Und du der Scharfschütze.“

Orlando: „Yep! Hast du mich so düster angelegt, um ein Gegengewicht zu meinen außergewöhnlichen Talenten zu schaffen?“

Ich: „Nein, es war keine bewusste Entscheidung. Aufgrund deiner Kindheit ergab sich der düstere Aspekt fast ganz von selbst.“

Orlando: „Hm …“ Es klingt dunkel und gefährlich und ich stolpere. Orlando hält mich. „Brich dir nicht das Genick, du musst noch meine Hochzeit mit Marius schreiben. Und keine unangenehmen Überraschungen an diesem Tag, wenn ich bitten darf.“

Ich: „Setz mich nicht unter Druck! Außerdem musst du ihn erst fragen. Aber nicht zu früh, sonst verschreckst du ihn!“

Wieder knurrt Orlando. Luis kommt angelaufen, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Orlando krault ihn kurz hinter den Ohren und der Hund wuselt wieder fort.

Ich: „Du hast eine zeitlang als Butler für Vincent gearbeitet?“

Orlando: „Stimmt! Und danach als Kinderbetreuer von Lauren. Bis der Sex uns dazwischen gekommen ist.“

Ich: „Bereust du die persönlichen Entwicklungen?“

Orlando: „Ist das deine dritte Frage?“

Ich: „Ha, ha! Das ist eine Unterfrage zur ersten Frage.“

Orlando: „Marius, Vincent, Marc, Marina und die Kinder sind meine Familie. Wie könnte ich also etwas bereuen?“

Ich: „Das hast du süß gesagt.“

Orlando: „Ich bin nicht süß!“

Ich: „Zum Anbeißen!“

Ich erwische Orlando bei einem kleinen Lächeln. Ganz so schrecklich findet er es offenbar nicht, von mir als süß bezeichnet zu werden. Er führt mich in die Küche der Eventvilla, wo er in den Kühlschrank greift und einen Karton herausholt.

Orlando: „Der Nachtisch!“

Ich: „Was ist da drin?“

Orlando: „Das wirst du ja dann sehen.“

Ich: „Hoffentlich keine Cupcakes.“

Orlando hebt eine Braue. „Magst du die nicht?“

Ich: „Jedenfalls mag ich andere Sachen lieber. Aber bestimmt sind die Cupcakes von Nicolas und John wahnsinnig lecker. Welches ist übrigens dein Lieblingsessen?“

Orlando überlegt, als wisse er spontan keine Antwort auf die Frage. Dann sagt er: „Meine Erzeugerin beschäftigte eine Weile eine Haushälterin, die das für mich bestimmte Essen aus dem Kühlschrank stahl. Ich durfte die Sachen für meine Erzeugerin nämlich nicht berühren. Diese Frau wusste ganz genau, dass die Frau, bei der ich lebte, mich verprügelt hätte, wenn ich ihr von den Diebstählen erzählt hätte. Also musste ich hungern. Einer meiner Mitschüler hatte Mitleid mit mir und gab mir von seinen Sandwiches ab. Seine Mutter kaufte sie immer fertig verpackt im Laden. Weißt du, was ich meine?“

Ich: „Ja, die in den eckigen Plastikverpackungen?“

Orlando: „Genau! Die mag ich immer noch sehr gerne.“

Ich: „Echt?“

Orlando: „Yep!“

Ich: „Andere Leute würden sagen, dass ihnen die Dinger zu pappig sind.“

Orlando: „Mir nicht.“

Ich lege ihm sanft eine Hand auf die Schulter. „Ich mag die Dinger auch. Am liebsten die mit Ei, Gurke, Käse und Majonäse.“

Orlando lächelt mich an – ein bisschen jedenfalls.

Ich: „Wenn du möchtest, können wir die Frage nach deinem schlimmsten Erlebnis auslassen.“

Orlando: „Als ich in Marius` Wohnung in New York saß und mir selbst einen Dolch zwischen die Rippen rammen wollte, weil ich Angst hatte, ihm in meiner Wut zu schaden.“

Ich: „Oh Gott, das war vielleicht eine grauenhafte Szene.“

Orlando: „Wenn sie für dich auch so schrecklich war, weshalb hast du sie dann geschrieben?“

Ich: „Weil die Situation immer mehr eskalierte, ohne, dass ich dafür etwas konnte. Ich …“

Orlando: „Schon gut, ich bin selbst Autor und verstehe, was du meinst.“

Wir gehen eine Weile schweigend nebeneinander. Orlando führt mich noch zum Jamastonegrundstück und ich bewundere den Kräutergarten des Hausmeisters.

Ich: „Magst du mir deinen bisher schönsten Tag verraten?“

Orlando: „Als mir klar wurde, dass Mike mich liebt, ich sein bin und er mir gehört.“

Ich: „Das war in Afghanistan?“

Orlando: „Yep!“

Ein Dobermann rast heran und ich bleibe wie angewurzelt stehen. Das muss Lady sein, die junge Hündin des Hausmeisters. Eigentlich halte ich Dobermänner nur für zu groß geratene Pinscher, aber Lady hat etwas so Schneidiges an sich, dass sie mich doch erheblich einschüchtert. Ein Pfiff ertönt und Lady trollt sich. Ich suche mit Blicken nach Steven, kann ihn aber nirgends entdecken. Orlando führt mich jetzt zurück auf das Gablestone-Anwesen. Bevor wir das Haus wieder betreten, sagt er noch: „Ich bin übrigens mehr an Männer als an Frauen interessiert. Wenn du unbedingt eine Zahl wissen möchtest, vielleicht 60/40.“

Ich: „Vielen Dank für das Gespräch. Ich weiß, es muss dir schwer gefallen sein.“

Orlando neigt den Kopf.

Ich: „Ich geh schnell noch in dieses wunderbare Gästebad, mir den Hundesabber von den Händen waschen.“

Orlando zwinkert mir zu. „Lass dir ruhig Zeit, an den Parfümen von Marina zu riechen.“

Sandwiches
Bildquelle: Depositphotos

 

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