Datenblatt „Der Mallorquiner“ / Drei Fragen, drei Antworten

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Drei Fragen, drei Antworten:

(Der Kostja-Clan – Teil 1)

Das Büro des Mallorquiners in Dimitris Schloss sieht wirklich so aus, als wäre es seines und nicht nur eines für die Angestellten, welches er benutzt, wenn er mal in Frankreich ist. Es wirkt modern und gleichzeitig mediterran. An den Wänden hängen Fotos spanisch anmutender Gebäude. Ich schaue sie mir näher an.

„Hat meine Tochter fotografiert“, sagt Jaume und er klingt ein bisschen stolz.

Der Mallorquiner bittet mich zu einer Sitzecke. Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn er sich hinter seinen Schreibtisch gesetzt hätte, der weniger massiv ist, als ich bei ihm vermutet hätte. Es handelt sich um ein Stück aus mitteldunklem Holz mit Schubladen unter der Platte, dessen Beine überkreuz stehen. Ein Notebook liegt darauf, ansonsten ist er leer.

Statt Vadim spaziert der Koch mit einem großen Tablett herein und serviert Tapas. Wo, zum Teufel, soll ich das alles hineinessen? Ja, ich bin verfressen, aber irgendwann streikt doch auch mein Körper. Vielleicht will der Koch eher Jaume mit den lecker aussehenden spanischen Kleinigkeiten verwöhnen als mich.

Der Mallorquiner fragt mich, ob ich einen katalanischen Wein probieren möchte. Hicks! Ja, ich möchte, und so öffnet der Koch eine Flasche für uns und gießt uns ein. Jaume nickt ihm freundlich zu, beachtet ihn aber kaum. Als wir alleine im Raum sind, prostet er mir zu und ich nippe an meinem Weinglas.

Ich: „Vielen Dank, dass du extra aus Mallorca angereist bist, um dich interviewen zu lassen.“

Jaume: „Kein Problem, ich mag das Schloss.“

Das Schälchen mit Albondigas zieht mich magisch an und ich piekse mir ein Fleischbällchen auf. Jaume nimmt sich eine Olive.

Ich: „Also Dimitri hat etwas angepisst auf meine Fragen reagiert. Deshalb habe ich dir eine Liste ausgedruckt, aus der du wählen kannst.“

Jaume lacht amüsiert auf. Er wirkt charmanter auf mich, als ich mir den knallharten Ausbilder der Matunus vorgestellt habe. Nachdem er sich noch eine in Knoblauchöl gewendete Garnele gegönnt hat, steht er auf, zieht eine Schublade seines Schreibtischs auf und reicht mir die Liste.

Ich stelle meine erste Frage: „Stört es dich, dass fast alle dich ‚der Mallorquiner nennen?“

Jaume: „Nein, sie sagen es ja mit dem nötigen Respekt. Mir gefällt dieser Spitzname.“

Ich: „Respekt, ja! Bei einigen zittert wohl auch ein bisschen Angst mit in der Stimme.“

Jaume lacht in sich hinein: „Gut so!“

Ich: „Verrätst du mir, was du am meisten in deinem Leben bereust?“

Jaume runzelt die Stirn und fährt sich mit gespreizten Fingern durch die Haare. „Zur Hochzeit meiner Tochter gereist zu sein.“

Ich: „Aber Jaume, ein Vater darf doch auf der Hochzeit seiner Tochter nicht fehlen. Dimitri wirft dich absolut nichts vor. Du kannst nichts für die Sturheit seiner Schwester.“

Jaume seufzt und reibt mit der flachen Hand über seine Stirn. „Ich weiß es im Kopf, aber mein Herz sagt mir etwas anderes.“

Mir fällt plötzlich etwas ein und die Frage platzt aus mir heraus, bevor ich sie unterdrücken kann: „Hatten du und Valentina mal etwas miteinander? Also du musst diese Frage natürlich nicht beantworten.“

Jaume: „Ist das deine dritte Frage?“

Ich: „Ich versuche, die Ereignisse zu verstehen.“

Jaume: „Wenn du es nicht weißt, wer dann. Du bist die Autorin!“

Ich: „Aber ich lasse meinen Figuren sehr viel Freiheit. Lies mein Interview mit Angelo, dann verstehst du es.“

Jaume: „Schon getan!“ Er seufzt und nimmt sich noch eine Garnele. Vielleicht möchte er Zeit gewinnen, vielleicht hat er einfach Hunger. Die Garnelen sehen lecker aus und ich greife auch zu.

Jaume: „Einmal gab es einen Abend, da wäre es fasst passiert. Das ist schon Jahre her. Ich küsste Valentina, doch kam noch rechtzeitig zur Besinnung …“ Jaume blickte aus dem Fenster und wirkte auf einmal traurig.

Ich: „Weil du noch verheiratet warst?“

Jaume schüttelte den Kopf. „Es war nach meiner Scheidung. Sich in meiner Position mit der Schwester meines Arbeitgebers einzulassen, ist ein großer Schritt. Außerdem wollte ich nicht nur irgendein Zeitvertreib für sie sein. Auch ein Mann wie ich hat seinen Stolz. Also sagte ich ihr, dass ich sie erst einladen möchte, vielleicht in eine Bar oder zum Essen. Sie erwiderte: Dein Pech! Drehte sich auf dem Absatz um und ging.“

Ich: „Du bist ja ein heimlicher Romantiker, Jaume.“

Jaume: „Ach was, da interpretierst du zu viel in mich hinein. Ich bin keiner der Leibwächter, also hätte ich theoretisch mit Valentina schlafen können, ohne Probleme zu verursachen. Hätte ich sie irgendwo in einer Bar kennengelernt, hätte ich sie ganz sicher abgeschleppt. Aber die Schwester seines Arbeitgebers behandelt man mit Respekt, auch wenn es für sie selbst nur irgendein Fick gewesen wäre.“

Ich: „Deutliche Worte, lieber Jaume.“

Jaume zuckt plötzlich zusammen, als fiele ihm etwas ein. „Glaubst du, sie hielt sich deshalb so ungerne auf der Finca auf, weil sie mein Zuhause ist?“

Du lieber Himmel! Der Mann bürdet sich mehr Schuld auf, als gut für sein Seelenleben ist.

Ich: „Nope!“

Jaume schaut mich zweifelnd an.

Ich: „Ich bin die Autorin, du kannst mir also glauben. Die Finca war Valentina nicht mondän genug. Wusstest du, dass sie versucht hat, Orlando zu überreden, für hundert Millionen Euro eine Neubauvilla auf Mallorca zu kaufen, als sich Dimitri gerade zur Behandlung in der Schweiz befand?“

Jaume: „Nope!“

Ich: „Außerdem warst du gar nicht auf Mallorca, als Valentina nach Paris abrauschte. Mit dir hatte das rein gar nichts zu tun!“

Jaume nippt an seinem Wein und langsam verschwinden die Falten auf seiner Stirn. Dann lächelt er mich erleichtert an. „Das waren jetzt irgendwie mehr als drei Fragen.“

Ich: „Aber noch keine drei offiziellen.“

Jaume: „Na gut, eine noch.“

Ich: „Was war bisher der schönste Tag in deinem Leben?“

Jaume: „Als Dimitri mich angestellt hat.“

Ich: „Och nö! Das sagst du doch nur, um ihm zu schmeicheln.“

Jaume: „Es stimmt aber!“

Ich: „Warum? Ich verstehe es nicht! Weshalb widmest du einem russischen Mafiaboss dein ganzes Leben? Deine Ehe ist daran kaputt gegangen. Also ich mag Dimitri natürlich, er ist ja meine Romanfigur. Dennoch …“ Ich räuspere mich.

Jaume: „Nicht daran!“ Er nimmt sich ein Brot mit hauchzartem Schinken. Ich möchte den Schinken auch einmal probieren und nehme ihn ohne das Brot. Lecker, lecker, lecker!

Jaume mustert mich lange, legt seine Hand auf seine Brust und sagt: „In meinem Herzen bin ich ein Kämpfer. Das war ich schon als kleines Kind. Ich habe es bei der Polizei versucht, aber das ist schief gegangen, wie du weißt. Als ich in Dimitris Dienste eintrat, fühlte ich mich angekommen. Mein Platz ist an seiner Seite. Besser kann ich es dir nicht erklären.“

Ich: „Hm, ja …“

Jaume lächelt, als würde er es amüsant finden, dass eine Autorin ihre eigene Romanfigur nicht hundertprozentig versteht.

Jaume überrascht mich mit den Worten: „Darf ich eine Bitte äußern?“

Ich: „Warum nicht!“

Jaume: „Ich fühle mich einsam. Kannst du da nicht etwas machen?“

Ich: „Du weißt, dass ich überwiegend Gayromanzen schreibe. Bist du schwul oder irgendwie bi?“

Jaume schüttelt den Kopf. „Boris hat eine Freundin!“

Ich: „Den habe ich schon mit Freundin kennengelernt.“

Plötzlich erinnere ich mich an den Koch, der Jaume mit so sehnsüchtigen Augen anschaut. Vielleicht könnte ich ja …

Jaume: „Das Lächeln gefällt mir ganz und gar nicht, Frau Autorin!“

Ich: „Du hast angefangen!“

Jaume: „Ich! Bin! Nicht! Schwul! Schreib mich ja nicht in einen ‚Gay for You Plot auf den Leib!“

Ich: „Du hast doch jahrelang im Gefängnis gesessen …“

Jaume: „Und hatte dort meine Hand als Freundin.“

Ich: „Niemals, niemals, nie?“

Jaume: „Nope!“

Ich: „Weißt du was, Mallorquiner? Schau dich einfach um, was in der Nähe herumspaziert. Dimitri hat doch viele persönliche Angestellte. Da ist doch bestimmt eine Frau dabei, die dir gefällt. Du schickst mir einfach eine kleine Mail mit ihrem Foto und ich schreibe dir eine Romanze mit ihr.“

Jaume: „Aber bitte eine, die nicht meine ganze Zeit verschwendet. Ich bin in erster Linie Ausbilder der Matunus.“

Himmel! Der Mann hat vielleicht Ansprüche! Er krempelt jetzt seine Ärmel hoch, als wüsste er, wie gut mir seine Armtattoos gefallen. Ich schmelze dahin und würde mich am liebsten selbst als seine Freundin anbieten. Da ich selbst bis tief in die Nacht schreibe, würde ich ihn nicht zu sehr nerven oder von seinen Aufgaben ablenken. Und auf einer Finca auf Mallorca zu wohnen, würde mir schon behagen. Äh … Nee, ich bin ja schon mit dem besten aller Ehemänner verheiratet.

Wahrscheinlich würde ich Jaume auch gar nicht gefallen.

„Kannst du deinen langen Zopf lösen?“, bittet er mich.

Okay, ich würde ihm gefallen.

„Bis ich den wieder hingefutzelt habe, dauert es ewig“, wende ich ein, aber er schaut so lieb, dass ich es tue.

Datenblatt:

Bildquelle: Depositphotos
  • Name: Jaume Aragall „Der Mallorquiner“
  • Alter: 50 (in: Der Kostja-Clan – Teil 1)
  • Reihe: Popstar-Reihe
  • Erscheinungsbild: Schlank, bärtig, tätowiert
  • Besonderheit: Lacht selten. Trägt den Spitznamen „Der Mallorquiner“
  • Familie:
    Kinder: 2 Söhne, 1 Tochter
    Geschieden

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[Hüpf]

Der Mallorquiner ist Ausbilder und Säule des Sicherheitsunternehmens Matunus.

Nach seinem Militärdienst wird Jaume bei der Mossos d`Esquadra eingestellt, der katalanischen Polizei. In einem Entführungsfall foltert er einen Zeugen, den er und seine Kollegen für einen Mittäter halten, was nie bewiesen werden kann. Jaume wird zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt, während dem Zeugen eine Entschädigung zugesprochen wird.

Nach dem Absitzen seiner Strafe schließt er sich Dimitri an, gründet für ihn die Sicherheitsfirma Matunus und wird deren Ausbilder. Er hat immer noch gute Kontakte zur Mossos d`Esquadra, weil seine Kollegen niemals vergessen haben, dass er alle Schuld auf sich nahm.

Die Ehe von Jaume überstand seine Inhaftierung, aber weil er alle seine Energie in die Firma steckt, bleibt seine Frau viel alleine. Schließlich lernt sie ihren zweiten Mann auf einer Weinmesse kennen und lässt sich von Jaume scheiden, was dieser stoisch akzeptiert. Um seine drei Kinder besorgt, vergewissert sich Jaume vor Ort in Argentinien, ob die Sicherheitsmaßnahmen auf dem Anwesen seinen Ansprüchen gerecht werden. Seitdem sorgen dort zwei Guards von der Matunus zusätzlich zu den eigenen Leuten des Hausherrn für die Sicherheit.

Jaume strebt ständig danach, die Schlagkraft der Männer und Frauen von Matunus zu optimieren. Seine Ausbildungsmethoden sind teilweise ungewöhnlich, aber wirksam. Über sein Privatleben ist wenig bekannt. Seine Mitarbeiter munkeln, er habe keines.

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